"Glaub ma ja!"

„Was für ein Vertrauen“

Das diesjährige Kirchentagsmotto begleitet uns in Wengern, wie überall in den Grenzregionen zum Kirchentagsort Dortmund, ganz besonders. Der Kirchentag kommt uns nahe.

Das Kirchentagsmotto stammt aus dem Buch 2. Könige 18, Vers 19. Der König Hiskia regiert das Reich, in einer schwierigen Zeit. Rund 700 Jahre vor Christus beherrschen die Assyrer den Nahen Osten. Sie erobern nach und nach alle Länder und machen sie sich Untertan. Wer genügend Zahlungen leistet, darf als abhängiger Vasallenstaat weiter existieren, wer nicht zahlt, dessen Oberschicht wird deportiert, deren Städte mitsamt der Heiligtümer, Kasernen und anderer wichtigen Gebäuden werden geschliffen. Wenn die Auflehnung zu groß wird, wird alles dem Erdboden gleich gemacht.

Hiskia traut sich was. Er lehnt sich auf gegen diese Kriegsmacht. Und er hat damit sogar zunächst Erfolg. Er schlägt einige Gegner militärisch zurück. Doch dann kommt es, wie es kommen muss: Die geballte Macht der Assyrer mit einem übermächtigen Heer schlägt zurück und zieht bis vor die Tore Jerusalems. Vor den Toren kommt es zu einer Unterredung des assyrischen Feldherren und eines Boten Hiskias. Er spricht die Worte spottend: „Was ist das für ein Vertrauen, was du da hast? […] Auf wen verlässt du dich, dass du mir abtrünnig geworden bist?“ Für den Feldherren ist das Aufbegehren Hiskias nicht nachvollziehbar. Er vermutet, dass Hiskia sich auf die schwindende Kraft Ägyptens verlässt.

Doch Hiskia lässt sich nicht beirren. Er vertraut nicht auf die Ägypter, bittet sie nicht um Hilfe. Er geht in den Tempel, zieht sein Bußgewand an und fleht Gott um die Verschonung der Stadt an.

Ist Hiskia mutig? Verkennt er die Lage? Ist er verblendet? Was ist das für ein Vertrauen, das er hat?

Einer womöglich lebensbedrohlichen Macht setzt Hiskia Gottvertrauen entgegen. Petrus hat einmal gesagt: Man muss Gott mehr vertrauen als den Menschen (Apostelgeschichte 5). Das tut Hiskia. Er verlässt sich weder auf seine Streitmacht, nicht auf seine Verteidigungsanlagen, noch auf fremde Hilfe durch die Ägypter. Er geht in den Tempel und betet. Es wirkt verrückt. Er stellt sich damit gegen die Realitäten, die ihn bedrohen.

Heutzutage erleben viele Menschen ihre Realität auch als bedrohlich. Angst vor weltpolitischen Bedrohungen in einer Zeit, in der die Mächtigen der Welt meinen, einander imponieren zu müssen und mit dem Feuer spielen. Angst vor der Zukunft, in der eine Industrie 4.0 unser Arbeitsleben verändern wird und es womöglich keinen Platz mehr für mich und meine Arbeitskraft gibt. Angst vor allem, was mir fremd ist und Angst, wenn mir die Veränderungen in meinem Dorf zu schnell gehen. Das sorgt für Verunsicherung, für Zweifel. Was habe ich für ein Vertrauen?

Die Angst lähmt Hiskia nicht. Sein Vertrauen bedeutet nicht, die Augen zu verschließen. Er stellt sich den Problemen, aber auf andere Weise, als es so viele andere getan hätten. Sein Gottvertrauen holt ihn heraus aus der Spirale der militärischen Gewalt, er gibt den Bedrohungen nicht die Macht, über ihn zu herrschen. Der Psalmbeter würde sagen: „Er habt seine Augen auf zu den Bergen, daher kommt ihm Hilfe.“

Das Wunder geschieht: Jerusalem wird nicht vernichtet, der assyrische Feldherr zieht sich zurück. Was für ein Vertrauen!

Unsere Welt ist komplex. Viele Zusammenhänge sind kaum überschaubar. Vieles, was mich einzuengen droht, kann ich nicht steuern. Was für ein Vertrauen habe ich in meine eigenen Fähigkeiten? Wo kann oder muss ich auf andere vertrauen? Was kann dieses Vertrauen bewirken gegenüber meinen Bedrohungen? Und welche Rolle spielt der befreiende Gott für mich?

Der Bibeltext weckt so manche Frage und fordert mit der Aussage „Was für ein Vertrauen“ heraus, innezuhalten und nachzudenken. Vielleicht bleibt es bei dem ein oder anderen bei der Frage: „Was ist es für ein Vertrauen, das ich habe?“ Vielleicht wird es bei der ein oder anderen zur Aussage: „Was für ein Vertrauen: …“ Vielleicht bleibt das Staunen über solch wundersame Begebenheit haften, wenn Vertrauen uns unsere eigenen (Denk-)Grenzen überwinden lässt. „Was für ein Vertrauen!“

Welches Satzzeichen Sie auch immer heute hinter diesen Vers setzen – für mich ist es eine Losung, die charmant ist, weil sie nicht schlicht ist. Sie erzählt die Geschichte von Zuversicht und Hoffnung, ist friedlicher Widerstand und Wundergeschichte. Sie lässt dabei genug Raum für Fragen und Zweifel und nimmt mich mit meinen Sorgen und Fragen ernst. Was für ein Vertrauen?!

 

Ihr Michael Waschhof