"Glaub ma ja!"

 

 

 

 

Was hatte Luther eigentlich so eine innere Gewissheit, so ein Selbstbewusstsein gegeben, dass er, wenn auch nicht beabsichtigt, eine neue Welt-Kirche neben der römischen auf den Weg gebracht hat? Was hat seinen Traum so stark wirken lassen, dass auch viele andere seinen Traum von Kirche mit- und weitergeträumt haben?

1.) Zum einen wohl die sehr beflügelnde Wiederentdeckung der Bibel für das Glaubensleben der Christen. Allein die Heilige Schrift war für ihn der verbindliche Maßstab für die Gestaltung der Kirche, nicht mehr die Verlautbarungen der Päpste, Bischöfe und Priester.  Rief diese Erkenntnis einerseits die massive Kritik und den leidenschaftlichen Widerspruch der Kirche auf sich, war sie andererseits der Grund für den Erfolg der Bewegung. Zahllose Menschen fühlten sich wie befreit durch diesen neuen Zugang zu den Urkunden der Christenheit. Die sprachlich geniale Übersetzung ins Deutsche eröffnete nun allen die Möglichkeit, sich selbst von der Schönheit, Wahrheit und Klarheit des göttlichen Wortes zu überzeugen. Das war eine erstaunlich moderne und liberale Geisteshaltung, die zu Luthers Zeit völlig aus dem Rahmen fiel.

2.) Diese Schönheit, Wahrheit und Klarheit wiederum zeigte sich für ihn allein in Christus. Auch das ist Bestandteil des lutherischen Traums, dass die Kirche endlich den Blick, weg von Rom, wieder auf ihre Hauptsache ausrichten kann. Luther verwarf viele religiöse Gebräuche und Glaubenssätze, die die Kirche im Mittelalter entwickelt hatte. Er wollte zurück zum ursprünglichen Christentum, so wie es im Neuen Testament beschrieben wird. Allein Christus soll im Mittelpunkt kirchlichen Glaubens, Lebens und Handelns sein.

3.) Und dieser Christus ist nun der Grund dafür, warum der Mensch vor Gott keine Angst haben muss. Die Furcht vor der Rache und dem Gericht Gottes war zu Luthers Zeiten allgegenwärtig. Luther selbst litt massiv unter der Angst, vor Gott nicht bestehen zu können. Der neue Glaube aber wusste nun, dass diese Angst den Menschen nicht mehr bedrücken muss. Denn das Schicksal des Menschen wird allein durch die Gnade Gottes bestimmt. Nicht das Verhalten, nicht die Taten, nicht die guten oder bösen Werke betrachtet Gott am Ende der Tage, sondern er sieht auf  Christus, der für uns einsteht. In einem „fröhlichen Wechsel“ tauschen die Seele und Christus Sünde und Gnade miteinander aus. So bekommt der schuldige Mensch ein neues, ewiges Leben. Verdient haben wir es nicht. Ich bin geliebt trotz allem, was an mir nicht liebenswert ist. Ich bin angenommen, obwohl ich unannehmbar bin. Es geht nicht um ein Gütesiegel („Du bist ok!“), das Gott dem Menschen mit der Rechtfertigung verleiht. Es geht um eine von Gott her geschenkte neue Beziehung.

4.) Sich von diesem Makel, dem Sündersein, frei kaufen zu wollen durch Ablassbriefe, ist also überhaupt nicht erfolgversprechend. Im Gegenteil, so verachtet man den Willen Gottes zur Gnade, die er uns ja schenken will, und die man nicht durch Geld sondern allein durch den Glauben erlangen kann. Wenn es nämlich überhaupt ein gutes Werk vor Gottes Augen gibt, dann ist es der Glaube im Herzen des Menschen. Nur durch Glauben empfangen wir diese kostbare Geschenk, die Heilung unseres Herzens. Das persönliche Verhältnis des Einzelnen zu Gott kommt plötzlich in den Blick. Der Heilige Geist vermittelt die Gnade Gottes in uns. Das bisher alles bestimmende Verhältnis zur Kirche und ihren Ritualen und Bräuchen ist kein Kriterium mehr für das christliche Leben.

Luther träumt also von einer Kirche, die sich in allen Lebenslagen von ganzem Herzen auf Gott verlässt und in der die Menschen ein herzliches Verhältnis zu ihrem Schöpfer haben, weil er ihre Heilung will. Wir können Gottes Liebe entdecken – in Jesus, dem Christus, und im Geist, der unser Herz erfüllt. In dieser Kirche wird Vertrauen empfunden und Vertrauen gelebt. Das ist ein nach wie vor erstrebenswertes Ideal, das nichts von seiner Wahrheit verloren hat. Den reformatorischen Kirchen aber ist im Laufe der Jahrhunderte manches an träumerischer Kraft verloren gegangen, ja, sie haben sich in vielerlei Hinsicht ihrerseits vom Geist des Ursprungs  entfernt. Viel noch von dem ursprünglichen Sehnen Martin Luthers wartet auf seine Verwirklichung. Machen Sie mit beim Verwirklichen?     

Ihr Uli Mörchen