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Eine schöne Bescherung
Ein kleiner Spaziergang mit unserem anderthalb jährigen Enkel Mathis sollte es werden. Die schon herbstliche Luft wollten wir uns ein wenig um die Nase wehen lassen. Ich schwang mich in meinen Rollstuhl, meine Frau packte den Kleinen. Die Haustür fiel ins Schloss. Ein paar Sekunden zu spät stellten wir fest: der Schlüssel befand sich innen und nicht, wo er eigentlich sein sollte, in der Jackentasche. Kein Handy, kein Geld! Wir waren ausgeschlossen! Eine schöne Bescherung!
Eine „schöne Bescherung“. Das, was wir sonst als mehr oder weniger fröhliches Familienritual unter dem Weihnachtsbaum erleben, wandelt sich hier in das Gegenteil: In die ironische Bezeichnung für ein Missgeschick, eine Panne, einen unangenehmen Vorfall. „Da haben wir die Bescherung“ ist eine andere gebräuchliche Redewendung in solch misslichen Situationen. Ein Blick in das etymologische Wörterbuch bestätigt mir die Ambivalenz dieses Wortes: das nur im Deutschen gebräuchliche Wort (mittelhochdeutsch beschern „zuteilen, verhängen“) wurde früher meist von Gott und dem Schicksal gesagt. Der heutige Sinn (seit dem 18.Jh.) ergab sich, weil die Weihnachtsgeschenke den Kindern als Gaben des Christkinds dargestellt wurden. Da hat sich in der Redewendung „eine schöne Bescherung“ etwas von der ursprünglichen Bedeutung des Wortes herübergerettet: Jemandem wird (vom Schicksal oder von Gott?) etwas zugeteilt, etwas über ihn verhängt; nicht immer nur Gutes.
„Eine schöne Bescherung“: Draußen, ausgeschlossen, aus der Bahn geworfen sein. Aus dem pulsierenden Leben gerissen, zum Außenseiter werden.
„Eine schöne Bescherung“: Der Weltenherrscher, der Heiland, der Gottessohn ist ausgeschlossen, findet keine Heimat in dieser Welt. Der Evangelist Lukas schildert, wie schon der Ungeborene in der damaligen Gesellschaft keinen Platz findet; ein kalter Stall muss ihm als Geburtsort reichen. Und als Erwachsenem ist ihm das Leben eines Wanderpredigers beschieden. Ruhelos unterwegs ist er zu den Kains, den Schuldbeladenen, den Kranken und zu kurz Gekommenen seiner Zeit.
Wozu diese „Bescherung“, die ihn in letzter Konsequenz ans Kreuz bringt? Auf diese Frage antworten unsere zahlreichen Weihnachtslieder.
Für mich besonders eindringlich das Lied EG 27:
Lobt Gott, ihr Christen alle gleich, in seinem höchsten Thron,der heut schließt auf sein Himmelreich und schenkt uns seinen Sohn.
Er wechselt mit uns wunderlich: Fleisch und Blut nimmt er an….
Er wird ein Knecht und ich ein Herr; das mag ein Wechsel sein……
Und warum wählt Gott diesen so paradoxen Weg der Menschwerdung?
„Das hat er alles uns getan, sein groß Lieb zu zeigen an. Des freu sich alle Christenheit und dank ihm des in Ewigkeit. Kyrieleis.“ (EG 23)Gott wird Mensch und nimmt uns damit liebevoll mit auf den langen und schweren Weg unserer eigenen Menschwerdung.
Eine wirklich schöne Bescherung, die wir dankbar für unser bruchstückhaftes Leben annehmen dürfen. Und das nicht nur zur Weihnachtszeit.
Wilfried Hörri, Pfarrer i.R., seit kurzem wohnhaft in Voßhöfen
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